
WERKE EINES UNZEITGEMÄSSEN

Die Orgelkomposition
Aus dem vierten Band der Kompositionslehre von Adolph Bernhard Marx - Leibzig 1846


Streng im Sinne alter Lehrbücher (Marx, Bussler, Lobe, allesamt aus dem 19. Jahrhundert) schrieb ich meine erste Fuge für Orgel zu drei Stimmen in a-moll nieder.
Mit diesem Erstlingswerk stand ich in der Tat in einem sonderbaren Lichte zu den übrigen Schülern der Kom-ponisten-Klasse des Richard-Strauß-Konservatoriums. Man fragte, was ich mir davon verspräche, veraltete Lehrbücher des 19. Jahrhunderts zu studieren, welche der Fortschritt in der Musik längst hinter sich gelassen hatte. Auch der Tod lässt das Leben hinter sich, ant-wortete ich. Sonderlich, sollte man dies Fortschritt heissen. Dem Geiste glorreicher Epochen die Hände reichen: das nenne ich meinen Fortschritt. Ich bin der umgekehrte Totengräber, der nicht zu Grabe trägt, sondern aus Gräbern neues Leben weckt. —
Mit unverständigen Blicken quittierten sie meine Rede, als müßte man mich bedauern, an dem neuesten Schauspiele zeitgenössischer Musik mein Heil nicht ge-funden zu haben. Und während das Heer der Neutöner in skurilen Umnachtungs-Tänzen nach dem Scheiter-haufen füt Harmonie und Kontrapunkt schrie, stu-dierte ich unbeirrt die Lehrbücher vergangener Jahr-hunderte, welche mehr Leben in sich bergen, als der vierschrötige Haufen zeitgenössischer Kompost-Arti-sten, welche bei Dux und Comes sofort nach den Bierkisten rufen, sich aus der Verlegenheit zu saufen . . .

Amadeus Wellenstein
Fuge für drei Stimmen in a-moll
Mit Marx Kompositionslehre wurde auch ich zum begeisterten Marxisten. Die Mißverständnisse die sich in Gesellschaft ergaben, Marx als einen der führenden Lehrmeister seiner Zeit zu loben, waren an Gaudium nicht zu überbieten. Als man mich fragte, wie ich zum Kommunismus und zu Marx Frage der Arbeiterklasse stehe antwortete ich, in den vier Bänden nichts dergleichen gelesen zu haben, wohl aber über Kontrapunkt und Fuge. Einer dieser schwerhörigen Parzen meinte, in welchem Punkte ich Marx Kontra gebe, gerät er in seinen Schriften doch öfter aus den Fugen. Im Begriff den Witz auf die Spitze zu treiben beugte sich die Bedienung an mein Ohr und sprach: „Sie sind in Bayern. Nur rülpsend verbreiten sich hier keine Mißverständnisse.“ –


NEPTUN
Zyklus für Orgel
nach der gleichnamigen Bilder-Trilogie
von
AMADEUS WELLENSTEIN

NEPTUN - Partitur

NEPTUN - Erstausgabe - 2014 - Spanien
VOLUMINA
Ligetis wahrhaftes Orgelwerk
Man lasse Spürhunde über die Manuale sakraler Orgeln schleichen, Hasen von Manual zu Manual hüpfen, Pferde in die Pedale treten: jeder Freund des Zeitgenössischen wird sogleich ausrufen: das ist Volumina! Ligeti, das Cluster-Genie! Sogar der Dieb aus Bagdad kann sich hier als Organist beweisen, weil seine Finger gar nicht gebraucht werden. – Die Putzfrau in der Kirche zu Göteborg soll bei den ersten Proben gesagt haben: kann der Rekordputzer (sie meinte den Organisten) die Orgel nicht ausschalten, wenn er die Manuale wischt. Der richtet das Instrument noch zugrunde. Und in der Tat: das Schwellwerk fing Feuer, brannte nieder, weil man in Göteborg die Sicherung der Orgel überbrückte, um einen Kurzschluß während der Proben zu vermeiden. Die Uraufführung, die in Bremen zum Schutz der Orgel zunächst abgesagt wurde, suchte in der Tat ihres gleichen: über die Jahrhunderte hatte noch kein Komponist gefordert, die Manuale mit Fäusten, Ellenbogen, Unterarm und Handkante zu bedienen. Kein Beduine würde seine Kamele treten, wie bei Ligeti die Pedale getreten werden. Nicht auszudenken, der Cluster-Infanterist wäre Arzt geworden. Im harnlosesten Fall hätte er den Irrsinn als Heilmittel empfohlen, seine "Musik" . . .
Die neue Ligeti-Spiel-Technik für Orgel
„Diese Technik besteht hauptsächlich in mannig-faltigen und differenzierten Strukturierungs- und Ar-tikulationsmöglichkeiten von dichten, chromatisch ausgefüllten Klängen, also von Tonclustern, die so-wohl in unbewegtem Zustand als auch von internen Bewegungen durchzittert, schließlich in globaler Be-wegung oder in kontinuierlichem Auf- und Abbau in die musikalische Form einbezogen werden. Das ist eine der Möglichkeiten, aus dem prothesenartigen, schwerfälligen Mechanismus der Orgel einen über-aus flexiblen Klang hervorzuzaubern, der in seiner Eleganz und Differenziertheit kaum die Grobheit der eingesetzten Mittel erahnen lässt.“
(Ligeti – gesammelte Schriften S. 311 ff)
Herrlich, wie er den Irrsinn, den Ohne-Sinn, das anti-musikalische Cluster-Desaster beschreibt. Er nennt es „Technik“ mit Handflächen die Tasten im Akkord zu wischen, mit beiden Unterarmen sich auf die Ma-nuale zu stemmen, die Tasten zu kratzen, wie der Hund Fell und Flöhe und redet von „differenzierten Strukturierungs- und Artikulationsmöglichkeiten“. Das ist Karneval der Anstalten, Bütenjux der atonalen Geräusche-Infanterie. Man stürzt sich auf die Manu-ale wie Hausfrauen auf die Wühltische, scheuert die Tasten wie das Waschweib die Hosen durch den Zuber, strammpelt an den Pedalen wie der Säugling, der drei Tage in nassen Windeln liegt. Und nun kommt Ligeti und spricht: ich rieche den „überaus flexiblen Klang, der in seiner Eleganz und Differen-ziertheit kaum die Grobheit der eingesetzten Mittel erahnen lässt.“ Nein, man ahnte nicht, daß der Säugling grob die Windeln torpedierte, weil der Klang elegant und differenziert aus der Schleuse sich ent-faltete. Er glaubt, die Mutter roch es nicht, weil die „Artikulationsmöglichkeiten von dichten, chroma-tisch ausgefüllten Klängen“ nicht erahnen ließen, daß der Säugling grob in die Hosen geclustert hat. Und nun sitzen die Leute in der Kirche, lauschen den flexiblen Klängen ohne zu bemerken, daß mit groben Fäusten an der Orgel gezaubert wird.
Für dergleichen Irrsinn müßten zehn Ärzte der An-stalt neu geschult werden. Dergleichen hat kein Irrenhaus in seinem Repertoire. Wie, mit Ellbogen, Unterarm, Faust und Handflächen wird ein flexibler, eleganter Klang erreicht? Was ist an einem Klang elegant, der durch hacken, schlagen, schmieren, schruppen aus der Orgel nachgerade heraus geprü-gelt wird? Was ist das für ein Zauber, dem jede Spielkunst abgeht und jedes Vieh es hier versuchen kann? Diese Tollhaus-Polonaise kann von jedem Gipser und Kalker zur Aufführung gebracht werden. Bloße Muskelarbeit, während das Hirn stille steht . . .
Alles, was seit Jahrtausenden Musik genannt wird, kommt hier nicht zu Gehör. Melodie, Harmonie, Rythmus, Polyphonie – Nichts! Und dennoch redet der Cluster-Fetischist von Musik. Mehr noch: er schreibt „Akkordik, Figuration und Polyphonie sind verwischt und unterdrückt, bleiben jedoch unterhalb der Klangoberfläche (= Clusteroberfläche) insgeheim wirksam.“ Für ihn gibt es eine Polyphonie unterhalb der Cluster die verwischt und unterdrückt vorhanden ist. Damit will er sagen, man darf nicht alle Töne des Cluster-Klangs hören, man muß differenzieren, dann hört man auch einzelne Stimmen, Akkorde und die Harmonie darunter. Man muß nur versuchen, die richtigen Töne aus dem Clusterhaufen herauszu-hören.
Um den Irrsinn Ligetis zu begreifen sei hier ein hilfreiches Beispiel gegeben. Drücken wir mit der Handfläche den Cluster C₁ - C₂ am Klavier. Wir hören gleichzeitig folgende Töne: c-cis-d-dis-e-f-fis-g-gis-a-b-h. Um nun die unterdrückte, verwischte unter der Cluster-Oberfläche verborgene „Akkordik“ wahrzu-nehmen, von welcher Ligeti redet, müssen wir, sofern wir den Akkord in E-Dur zu hören wünschen, bei den übrigen Tönen des Clusters weghören. Wir dürfen also bei c-cis-d-dis-f-fis-g-a-b nicht hinhören auch wenn wir sie hören, sondern müssen unser Ohr auf e-gis-h konzentrieren. Auf diese Weise kön-nen wir lernen, aus jedem Cluster die Akkorde zu entnehmen, die wir zu hören wünschen. Die Kunst liegt allein im richtigen Weghören der unnötigen Clüster-Töne.

Organist Wambo Wummerer
Stationärer Vier-Oktaven-Unterarm-Cluster
plus dynamischer Doppelbockbier-Zwei-Oktaven-Cluster

Faust-Praller - Ein-Oktaven-Schwinger-Cluster

Dynamischer Handflächen-Wischmopp-Politur-Cluster
Die neue Spieltechnik für Orgel oder
der Katastrophen-Alarm
In gleicher Weise können wir die Polyphonie in den Clustern entdecken, indem wir immer nur den Tönen lauschen, die für die Mehrstimmigkeit erforderlich sind und bei den übrigen unser Gehör überreden, daß sie nicht existieren. Wir müssen die Cluster lediglich von den Noten extrahieren, welche nicht in die Akkordik, die Polyphonie und Figuration hineingehören, schon hören wir Fugen, Kadenzen, Präludien, welche unter der Cluster-Oberfläche insgeheim wirksam sind.
Ich erinnere mich bei einem Ärztekongress zur Eröffnung am Klavier gespielt zu haben. Ein Arzt erzähle am Banket von seinen Patienten und sprach: „Wissen sie, wie wir dahinter gekommen sind daß der Mann irrsinnig ist? Beim Lesen seiner Doktorarbeit. Er hat seinen Irrsinn so gut begründet, daß es niemandem aufgefallen ist.“ Nicht anders begründet Ligeti seine „Musik“ . . .
Nachrede der Ordensschwester
Man trieb einige dem Irrsinn nahe durch Länder und Städte, hieß sie im Fieber dissonanter Umnachtung-Riten lärmen und toben und steckte ihnen Medaillen an die Hüte. Sie zullten, bis der Sargmann sie markierte, erbrachen sich am Euter toter Kühe, und sprachen: die Inspiration stößt uns zwar sauer auf aber wir betreten die neuen Wege der Musik. — Die Irrenhäuser jedoch weigerten sich, das Ziel dieser Wege zu sein, zumal ihre Einrichtungen bis in die letzten Zellen überfüllt waren von grölenden Barden und Banden der Unterhaltungs-Fabriken. Nun laufen sie vom Biertisch zur Schwemme, türmen in ihren „Werken“ den Irrsinn zu neuen Haufen, bis der Sensenmann dem Häufen die große Fermate setzt, der Nachwelt das Pfund zu überlassen, an dem die Historikernasen ihren Spürsinn erproben, die „atonalen Säue“, wie der Bauer das grunzende Mastvieh nannte, in die Geschichtsbücher zu drängen.

Nun — wir hatten unser Gaudium mit allem Zeit-genössischen. Zu unserem Vergnügen ließen wir den Irrsinn passieren. Ein zweifelhaftes Vergnügen in der Tat, sofern man bedenkt, daß die Gegenwart beinahe nichts andres mehr bietet. — Allein die glorreichen Zeiten vergangener Epochen wissen von Weihe und Andacht noch zu reden. Nicht jene Weihen, welche die Kirche zu vergeben hat, als das Unterpfand dem Unter-würfigen, sondern die Segnungen höherer Wesen, die kaum ein Priester je empfangen. — Religion als das Schweben in weihevollen Sphären, die Intuition aus göttlichen Funken (Schiller nannte es Freude) welche dem Geiste Schwingen und leichte Füße verleiht. Wo sind die lebenden Komponisten, die davon noch zu reden wüssten, wo die Glorreichen, die Neptun aus der Taufe gehoben, den Dreizack wider ihre Zeit zu er-heben? Wo sind die Söhne der Göttin Musik? Bleiben zum Troste uns nur noch die Grüfte? —
Wir fanden nur einen, der seiner Zeit sich widersetzte, als der große Unbekannte und Unbenannte, der über Eis und Hochgebige gleich einem Adler einsam seine Kreise zieht. Er lachte über Ruhm und Ehren der dürftigen Zeiten und sprach: was ist mir der Nimbus da unten, wenn die Aussicht hier oben jede Auszeichnung zum Almosen degradiert. Soll ich mit meinen Werken neben Affen präludieren, die gleich mir die Pokale erhalten? Nein! Mein Werk den Seligen zum Gruße, den fernen, überirdischen Gesellen und heiteren Musen, in deren Höhe Neptun mit den Göttern lacht . . .
Aus dem literarischen Hauptwerk "Triumph des Lebens"

Weihnacht im Beethoven-Palast - Dibond, Original 180cm x 86cm
Du bist mir ein verwegener Gesell Blonder, sprach die Ordensschwester. Um mit deiner Musik davon zu brausen, wirfst du das Zeitgenössische eines ganzen Jahrhundert über den Haufen. Nein, lachte der Blonde: ich werfe Zeitgenössisches nicht über den Haufen. Ich springe über den Haufen . . . Und beide lachten, schaukelten sich mit lustigen Pointen in göttlich-heitere Höhen . . .
Aus dem literarischen Hauptwerk "Triumph des Lebens"
