
WERKE EINES UNZEITGEMÄSSEN
Klavier-Sonate Nr.I
Neuauflage der Privat-Ausgabe
Vorrede zur ersten Klavier-Sonate
Aus dem Begleitheft zur CD
Diese Sonate entstand unter denkbar ungünstigen Um-ständen im Dog-Pile-Destrikt eines Münchner Vorbezirks im Jahre 1992, wo man die Weißwurst-Spezies noch belehren mußte, daß Beethoven kein Ofen ist, auf dem man betend sitzt. —
An inspirierenden Dingen mangelte es zu keiner Stunde: ein Rangier-Bahnhof, welcher die Ohren mit donnernden Disso-nanzen erquickte, auf den Etagen grölende Stammtisch-Jecken, denen man das Etikett „Homo ebrius“ an die Hüte steckte, brüllende Weiber, an deren Wangen die Fäuste ihrer Männer glühten, dazwischen kanonenhaftes Gebölke, wel-ches die Ankunft der Bierträger verkündete, nebst den Gruft-Gerüchen toter Hunde, wo man nicht lange raten musste, was in des Nachbars Gartöpfen weich gekocht werden sollte. — Hier die Stellung als klassischer Komponist zu halten, schöpferisch und guter Dinge den Tag zu begrüßen, dazu muß man hoch gewachsen sein, um nicht bis zum Scheitel in den Sümpfen der Rüsseltiere zu waten.
Nun bin ich dem Münchner Dog-Pile-Destrikt und seinen seltsamen Ur-Einwohnern nicht undankbar gesonnen. Hier trat ich den Beweis an, nicht nur in willkommenen Ge-genden Erstaunliches hervor zu bringen, sondern Künstler und Komponist auch in unmöglichen Lagen zu sein: heu-lende Hunde, brüllende Säuglinge, das Lärmen sich erleich-ternder Eingeweide und Wasserrohre zu übelstem Aufbe-gehren mißmutiger Bäuche aus des Nachbars Armen-Küche und inmitten dieser geballten Abscheukeiten saß ich und schrieb meine klassische Klavier-Sonate. —
Ich denke, selbst im Bombentrichter hätte ich zu mancher Melodie die rechten Kontrapunkte gefunden, dem monoto-nen Pfeifen der Kanonen-Kugeln sogleich eine rhythmische Figur unterlegt. — Zuletzt trugen mich diese Übungen unter ungünstigsten Bedingungen einer musikalischen Idee zu fol-gen auf eine Höhe der Konzentration, welche alles Lärmen um mich zum Schweigen brachte, dies wenigstens solange, wie die Idee mich begeisterte, umhüllte, gleichsam die Glocke der Separation über mich stülpte, „zehntausend Fuß jenseits von Mensch und Zeit“ die Stunden meiner Erleuchtung einläutete . . .
Als die Niederungen ich wieder erreichte, alles Zudringliche erneut mir auf die Stiefel trat, war‘s ein prächtiges Gezetter, mit dem die Zeitgenossen meine Musik umlärmten. Mit diesem Werk brachte ich das neutönende Elend gegen mich auf. Ich hatte ihr geweihtes Dissonanzen-Vieh an die Tröge der Säue verwiesen, dem Stolz ihrer atonalen Witze im Hun-gerturm die Lesung gehalten, sie in die Stallung getrieben, wo die Natur in lauterem Gange den Geist der Moderne durch Rinnsale und Schornsteine tritt. Mein Werk war ein Angriff an allen Fronten! Ein Triumph über alles, was modern und zeitgemäß aus düstren Sümpfen schrie . . .



Hörproben aus der Klavier-Sonate Nr. I


Mit diesem Werk brachte ich das neutönende Elend gegen mich auf. Ich hatte ihr geweihtes Dissonanzen-Vieh an die Tröge der Säue verwiesen, dem Stolz ihrer atonalen Witze im Hungerturm die Lesung gehalten, sie in die Stal-lung getrieben, wo die Natur in lauterem Gange den Geist der Moderne durch Rinnsale und Schornsteine tritt. Mein Werk war ein Angriff an allen Fronten! Ein Triumph über alles, was modern und zeitgemäß aus düstren Sümpfen schrie. Die Kraft, gleich wuchtigem Fels mächtiger Bran-dung zu trotzen, wurde hier schöpferisch. Abgründe stürz-ten zwischen mich und meinem Heute, auf daß die Trift des Siegreichen durch atonales Äsen nicht besudelt werde. Die Gegensätze zwischen mir und den Geräuschen meiner Zeitgenossen auf unerreichte Höhen türmen, also rühmte das Leben in mir alles Unbeugsame. Unerschrocken, unbe-kümmert stürmte ich meiner Wege auf diesen der Genius jauchzte, wo immer der Gedanke mir zu Kopfe stieg, ein neues Werk wider meine Zeit zu wagen . . .
Pianist Amadeus Wellenstein
Klavier-Sonate Nr.II
Klaviersonate Nr. III

Über die Spielbarkeit der dritten Klavier-Sonate
Amadeus Wellenstein an Benedikt Köhlen,
Konzert-Pianist und Klavierlehrer
am Richard-Strauß-Konservatorium München
San Remo 2. März 2005
Hochgeschätzter und verehrter Herr Köhlen!
Es dürfte mittlerweile ein viertel Jahrhundert verstrichen sein, als wir uns das letzte Mal begegneten. Wahr-scheinlich werden Sie sich an mich nicht mehr erinnern. Um so lebendiger habe ich Sie in Erinnerung. Es war September des Jahres 1980 als ich am Richard-Strauß-Konservatorium mein Studium als Komponist antrat. Ich hatte damals einige klassische Stücke komponiert unter anderem für Klavier. Da zu jener Zeit meine pianistischen Künste meinen musikalischen Gedanken nicht im entferntesten gerecht werden konnten, wagte ich es eines nachmittags vor einem der Übungsräume des alten Konservatoriums anzuklopfen, wo Sie daselbst gerade unterrichteten. Ein hochgewachsener, blonder Kerl stand vor der Tür, fragte, ob er nicht störe und eintreten dürfe und übergab Ihnen einige Notenblätter mit der Bitte, ob man sich daran versuchen könne. Sie hatten einen Schüler in Unterweisung, legten die Blätter auf den geschundenen Flügel und hießen ihn, sich an der Sache zu beweisen. Er aber, nachdem meine Noten sein Können herausforderten, kapitulierte sogleich, worauf ich mir dachte: so einfach scheint es nicht zu sein, aus dem Stand meinen ersten Opus mir um die Ohren zu klimpern. Also hat der Schüler dem Meister Platz gemacht. Und wie furios Sie sich ins Zeug legten. Donner und Doria! Im Tempo schneller als ich‘s gedacht. Ich war nur noch ein Ohr, über beide Ohren begeistert, was aus dem alten Kasten heraus donnerte. Dafür alle beruflichen und familiären Banden zerrissen zu haben um hier zu zeigen, aus welcher Etage ich antrete: das nenne ich in der Tat einen gebührenden Einstand!
Nun komme ich nach 25 Jahren erneut zu Ihnen. Ich bilde mir nämlich ein, als Komponist einige Kniffe dazugelernt zu haben. Einige italienische Pianisten, darunter einer der ersten Nachwuchs-Talente Italiens Giovanni Doria, inter-nationaler Preisträger, haben ihre pianistischen Fertigkeiten an meinen Kompositionen bereits erprobt, einige Passagen jedoch für unspielbar erklärt. Man hat mich gebeten Stellen zu ändern, Oktaven zu brechen und verglich mich in Anbetracht der Schwierigkeit mit Liszt. — Nun habe ich die schwierigen Passagen nicht komponiert, um mich mit Liszt zu duellieren. Ich notierte lediglich, was an guten Tagen mein Genius diktiert. Daß manches nicht einfach zu spielen sein würde, dafür kann ich meine Inspiration nicht auf Ration setzten. Ich schreibe keine Noten um Komplimente zu machen.
Was ich den italienischen Pianisten zumute, dafür steht nachfolgendes Beispiel. Diese Passage wurde allgemein für unspielbar erklärt. Ich wollte mit dem Haufen eine Lanze brechen, das radikale Üben an dieser Sonate aber hat mir mit einer Entzündung der Sehne die Tage am Instrument für Wochen verhunzt. (Acht Stunden auf dem Kasten täglich getobt, bis die Natur mir einen anderen Rhythmus verordnete.) Ich erinnere mich, von Pianisten gehört zu haben, die zu Beethovens Zeiten Blutspuren auf der Tastatur hin-terließen. In welcher Stadt muß ich anheuern, je-manden zu finden, der Bluthunde aus allen Zwingern heulen läßt, sobald seine Talente am Flügel wüten . . .
Da beruhigt es mich zu wissen, daß ihr Ehrgeiz in die Wochen kommt, wenn es gilt, mit Wellensteins Oktav-Läufen es einmal zu versuchen. Bis ich es mit mir wieder aufnehmen kann, müßten sie ihre Nachbarn aus allen Fenstern geübt haben, daß sie, wie dies nebenbei bemerkt bei mir der Fall gewesen ist, die Apotheken stürmen, für die erlaubte Narkotika, die ihnen Czernys Schule der Geläufigkeit für ein paar Stunden vergessen laßt . . .

Unspielbar! sagen die Braven . . .
Ich habe nicht selten mit meinem beharrlichen Czerny-Ungewitter die Geplagten schreiend aus den Häusern ge-trieben. Der ganze Wohnblock wurde von mir herausgerfordert. Die Umzugsfirmen bedankten sich zuletzt bei Czerny: innerhalb von drei Monaten vier Mieter aus ihren Wohnungen geübt. Die schlugen von allen Seiten gegen Decken und Wände. Ich nicht faul, zum Lärm ihrer hämmernden Fäuste und Besen schwere Oktav-Läufe donnernd. — Zuletzt gab die Stadt mit richterlichem Beschluss mir Recht: vier Stunden üben muß hingenommen werden. Das war ein Schützenfest! Da wurde alles aufgeboten, was die Nervenstränge nach tröstenden Delirien schreien läßt. Allein mit Hanon ließ ich das ganze Haus erzittern. Da hörte man Hilferufe wie in Apulien beim letzten Erdbeben.
Und jetzt nehmen Sie sich einen zur Brust und holen Sie mit Wellenstein alles raus aus den Betten . . . Ich richte inzwischen das Feldlager, für alle, die aus ihrem Wohnblock flüchten.
Im Übrigen gab es noch jemanden, der anno 1980 nach Ihnen mein erstes Werk für Klavier am Konservatorium vom Blatt spielte. Ihr Kollege, der prächtige Seifert. Als ich ihm meine Noten auf den Flügel legte, donnerte er alles über den Haufen und schrie mitten im Spiel: „Das ist Beethoven! Das ist Beethoven!“ Und der Kerl machte keine Faxen . . .
. . . einen Brunello auf Ihr Wohl, daß die Begeisterung im Austrags-Stübchen der braven Über nicht an Skorbut verenden möge . . .



