
WERKE EINES UNZEITGEMÄSSEN

Amadeus Wellenstein - Ronda, Spanien 2017
Wohlan! – Was ist mein größter Erfolg den ich meiner Zeit voraus habe? Zweifellos in all den Jahrzehnten ein unzeitgemäßer Komponist geblieben zu sein. Fünfundvierzig Jahre dem Geschmack seiner Zeit sich widersetzen heißt zeitlos leben, abseits der lärmenden Bühnen, in der Seligkeit alter, schwer zugänglicher Welten behütet und geborgen. Diese heilsame Abgeschiedenheit, die es erlaubt vollkommen an seiner Zeit vorbei sich in Musik zu erheben, beschenkt fortwährend die schöpferischen Talente. Die Inspiration, als die überreiche Verschwenderin glänzender Eingebung weiht Tag und Stunde. Was wunder, wenn der Kontrast zwischen allem Neuzeitigen und meiner Musik hier auf die Spitze getrieben wird. Mit modernden Einfällen sich durchs Leben drücken, wie der räudige Rüde am Napf die Jahre abzehrt, das hat die Musen noch nie zum Verweilen bewogen. Man wird des Lebens überdrüssig, wo immer nur Dresdner Eintopf geboten wird.
Was liefern uns nun die modernen Musik-Fabriken? Immer die gleichen Eintöpfe aus den Armen-Küchen des vakanten Geistes. Hier nicht vakant sein wollen, als seine Pflicht es empfinden, zum frivolen Kehraus der Gegenwart den Gegenpol zu bieten, dort anknüpfen, wo die Meister der Musik die Ewigkeit erfreuten, ungeachtet dem Geschmack der streunenden Menge, sich gegen ihre Zeit stemmten, erscheint mir eine Aufgabe ersten Ranges zu sein. In diesem Sinne schöpferisch wirken, den lebenden Beweis antreten, daß selbst in erbärmlichsten Zeiten erhabene Musik noch möglich ist, verdient in der Tat, die Hallen der Unsterblichen zu betreten. In diesem Sinne gehöre ich zweifellos zu den Erfolg-reichen, in all meinen Werken meiner Zeit mich widersetzt zu haben.
„Aber daß ich Ihnen das Beste an meiner Musik verrate: nicht mit einer Note ist auch nur ein Hauch von modernem Einfluß zu hören. — Wenn irgend worauf mein Stolz sich gründet, so ist es, in all den Jahrzehnten unzeitgemäß, zeitlos, im besten Sinne des Wortes, ein Gegner meiner Zeit geblieben zu sein.“ Dergleichen schrieb ich meinem Magister für Komposition, als an Portugals Westküste mein Orchesterwerk AUREUM SILENCIUM sein Finale erfuhr.
Am vortrefflichsten jedoch hat der Verfasser des Zarathustra meine Musik beschrieben, dort, wo es heißt: „Ich nenne eine unschuldige Musik jene, welche ganz und gar nur an sich denkt, an sich glaubt, und über sich die Welt vergessen hat, — das Von-selber-Ertönen der tiefsten Einsamkeit, die über sich mit sich redet und nicht mehr weiss, dass es Hörer und Lauscher und Wirkungen und Missver-ständnisse und Misserfolge da draussen gibt.“ —
Soweit muß man Musiker sein, die Welt im Spiel vergessen, um vom Schauspiel „da draußen“ nicht geweckt und überrannt zu werden. Was wunder, wenn bei jedem Rückzug in meinem Leben die Weisheit selber am Werke ist, sofern es nämlich gewiß ist, daß Weisheit stets dort ist, wo Unschuld in der Musik ist, wobei Unschuld und Freiheit hier gleichbedeutend sind: man ist befreit von dem „da draussen“, erhebt sich in überreiche Höhen, wo es kein „da draussen“ mehr gibt. Ruhm, Anerkennung, Erfolg: dafür hat man gar kein Ohr. „Wie, wollen sie nicht berühmt und erfolgreich werden?“, sprach der Konzert-Agent worauf der Pianist antwortete: „Kommen sie morgen wieder. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht . . .“

AUREUM SILENCIUM - Druckbögen aus dem zweiten Satz des Weihnachtskonzertes
Die Zukunft der Musik
"An sich ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass es noch Reste stärkerer Geschlechter, typisch unzeitgemässer Menschen irgendwo in Europa gibt: von da aus wäre eine verspätete Schönheit und Vollkommenheit auch für die Musik noch zu erhoffen. Was wir bestenfalls noch erleben können, sind Ausnahmen. Von der Regel, dass die Verderbniss obenauf, dass die Verderbniss fatalistisch ist, rettet die Musik kein Gott." —
Friedrich Nietzsche
Unter welchen Bedingungen man heute zur Ausnahme wird, hat der Philosoph in seiner vierten unzeitgemässen Betrachtung geschildert. Er schreibt:
"Wer die Kunst befreien, ihre unentweihte Heiligkeit wiederherstellen wollte, der müsste sich selber erst von der modernen Seele befreit haben; nur als ein Unschuldiger dürfte er die Unschuld der Kunst finden, er hat zwei ungeheure Reinigungen und Weihungen zu vollbringen. Wäre er dabei siegreich, spräche er aus befreiter Seele mit seiner befreiten Kunst zu den Menschen, so würde er dann erst in die grösste Gefahr, in den ungeheuersten Kampf geraten; die Menschen würden ihn und seine Kunst lieber zerreissen, als dass sie zugestünden, wie sie aus Scham vor ihnen vergehen müssen. Es wäre möglich, dass die Erlösung der Kunst, der einzige zu erhoffende Lichtblick in der neueren Zeit, ein Ereigniss für ein paar einsame Seelen bliebe, während die Vielen es fort und fort aushielten, in das flackernde und qualmende Feuer ihrer Kunst zu sehen: sie wollen ja nicht Licht, sondern Blendung, sie hassen ja das Licht — über sich selbst."
Nun bin ich nicht willens, mich zerreißen zu lassen. Ich ziehe es vor entlegene Höhen zu erfliegen, in dessen geweihter Stille das Gebrüll um Geld und Erfolg erstickt, lärmende Herden sich nie eingefunden haben, kein Krämer je nach einer Zeitung schrie, was es zu verschachern gibt. Die Stille die sie empfinge würde sie sogleich zermalmen, die Freiheit würde zum Fluche, in die man sie entließe.
Allein die Unzeitgemäßen mit überreichem Talente sind es, die hier ihr Glück erraten: die Weihungen und Segnungen höchster Sphären, von denen der Philosoph mit Ehrfurcht spricht. Und wenn es weiter heißt: Jeder Umgang ist schlecht außer der mit seinesgleichen, so sollte man mit seinem Glücke auch unter seinesgleichen bleiben, das heißt über den Wolken seine Kreise ziehen, dort, wo das Reich der Hyperboreer beginnt. Weder zu Land noch zu Wasser wirst du es erreichen . . .

