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REDE DER STOLZEN VIOLINISTIN

. . . DIE TUGRNDEN DER DRÜCKER-KOLONNE
SICH ANEIGNEN . . . 

Die Aufführung meiner Symphonie stand in der Tat in einem absurden Verhältnis zu dem, was dafür erwirtschaftet werden mußte. Ein halbes Jahrhun-dert sparen, um 25 Minuten zu hören. —
Es hieß also, die Tugenden der Drücker-Kolonne sich aneignen, mit seinem Werk von Tür zu Tür die Glo-cken bedienen, vor irgendwelchen Autoritäten, Di-rektoren, Dirigenten sich verbeugen, seine Wünsche abseufzen, Trichter-Ohren um Gehör ersuchen, gleich den Kredit-Bedürftigen in flehendem Bitten sich be-kreuzigen, in der Hoffnung, unter ihnen eine Ge-fälligkeit zu erwirken.
Die Komik in diesen Bittsteller-Polonaisen entsprach den tollsten Karnevals-Schwänken, gesetzt, daß man dem Gaudium beizuwohnen sich hinzugesellte, um mit anzusehen, wie der Schaffende feisten Orchester-Vorständen seine Werke anzubieten hatte. — Zudem war die Geschmeidigkeit des Schmeichelns im Ver-zeichniss meiner Tugenden nicht zu finden, um mit unterwürfigen Komplimenten, galanten Knicksen, gemästete Konzert-Vorstände zu einer vorteilhaften Geste zu bewegen. Ich hatte wenig zu sagen. Mein Werk sprach für sich. Andere wären vielleicht klüger an die Orchesterleiter herangetreten, die ganze Liste der Bescheidenheit gefällig abgestottert, sich mehr-fach bekreuzigt, auf des Maestros teuerer Zeit zu sitzen, um alsdann ihr Werk zaghaft herauszu-rücken, gleichwie man einem Hund die Wurst gibt, von dem man schon einmal gebissen wurde . . .

 

Partiturseite Wellenstein.jpg

Wellenstein
SYMPHONIE NR.I
Auszug aus der Partitur

Ich entsinne mich 1992 die Partitur eines meiner Konzerte („Letzter Gruss den alten Meistern“) dem damaligen Leiter des Münchner Amati-Orchesters vorgelegt zu haben. Er musterte die Partitur, blickte aus seinem Sofa schläfrig über die Tischkante und sprach: „Schön, aber das ist alte Musik. Sie müssen neue Wege gehen. Messiaen, Ligeti, Stockhausen: das ist die Zukunft.“ Ich entgegnete, im Sinne zeit-genössischer Musik ein neues Werk begonnen, das Winseln geprügelter Hunde bereits notiert zu haben, es wären der Rüden jedoch nur drei gewesen und fragte, ob er zum Vollenden des vierstimmigen Satzes sich zum Kastraten empor schwingen, die Sopran-Stimme hinzu winseln könne. Als er sich darüber empörte, der Kaffee ihm über die Kinnlade kroch, fügte ich hinzu, Jaulen und Trenzen sei in diesem Werk nicht nur erlaubt, sondern von jedem Köter erwünscht. Kreischenden Gelächters fiel das üppige Stimmwunder das mich begleitete, gleich durch die Tür, so dass wir dem Parzen die Mühe ersparten, uns hinaus zu werfen.

Je mehr Absagen ich erhielt, („Orientieren sie sich an Zeitgemässem.“) desto lustiger wurden meine Auf-tritte. Zu meinen letzten Gesuchen begleitete mich gar ein ganzer Schwarm, um sich das Gaudium nicht entgehen zu lassen. Ich musste überlegen, für die Belustigung oder für die Musik einzutreten, was beim Anblick des Dirigenten schon mit der ersten Pointe entschieden war.

 

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Letzter Gruss den alten Meistern
Erste Seite der Partitur

Mit Witz sich über die Zeit retten, um am Ernst der Realitäten nicht zum Düsterlimg zu werden. — Instinktiv erriet ich die Mittel die notwendig waren, mich von jeglichen depressiven Desastern fern zu halten. Jedes Gaudium war mir willkommen, wenn es galt, schlechten Aussichten mit heiteren Farben zu winken. Ich hielt mich schadlos an allem, was meinen Mut entkräften wollte und hatte die lustigsten Einfälle, wenn es galt, aus eigener Kraft sich wieder aufzurichten. Niemand hat mich je klagen noch seufzen gehört. Ich war stets mein eigener Seelsorger, der weder Gott noch Trostsprecher nötig hatte, mit seinem Schicksal fertig zu werden. —
Den widrigen Umständen zum Trotz, die mein Musikerleben nicht selten auf harte Proben spannten, alle Art Schwermut vor meine Füße karrten, stieg es mir nie zu Kopf, die Musik beiseite zu lassen, in alte Bahnen des einstigen Berufes zurück zu kehren, eine bequemere Position einzunehmen. Mein Wille hing über mir wie ein Gesetz, unmöglich auszuweichen, beiseite zu schleichen, sich davon zu machen. Das meine Sachen nicht aufgeführt wurden, nahm ich hin wie der Bauer, dem sein Nutzvieh krepiert: man wartet, bis neues Vieh im Stall ist, also wartete ich auf neue Dirigenten . . .

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