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WERKE EINES UNZEITGEMÄSSEN
Der Technische Zeichner und Detail-Konstrukteur
"Wer das Unmögliche nicht wagt,
dem wird das Leben nur die Krümel reichen."

Amadeus Wellenstein — Technischer Zeichner. Ausbildung 1969 - 1972 bei MTU München. Abschluss-prüfung 1972 Kraus Maffei. Letzte Berufs-Tätigkeit: Detail-Konstrukteur 1977 (MTU - Abteilung TESK). Konstruktion der Abdeckung für das Triebwerk RB 199 (Tornado).
Die Außergewöhnliche kam mit lauter Stimme, em-pörte sich, wie ich die Zeit mit technischen Faxen verprassen könne, hob Beethovens Büste über die technischen Pläne und sprach: „Hier haben sie ihren Begleiter oder wollen sie am Reißbrett verfaulen bis ihre Talente zum Himmel stinken. Sehen sie sich die eifrigen Mumien an, die rings um sie die Zeichentische besetzen.“
Daraufhin erhob sie das Glas, hatte mein Schweigen ihr doch verraten, dass ihr Wink meine Seelengründe er-schütterte . . .

Technischer Zeichner Wellenstein 1977
. . . Der Unmut an meinem Zeichentische erhob sich in einem solch ungeheuren Maße, daß ich Beethovens Büste aus mei-nem Blick verbannen mußte, da bei längerem Betrachten Stimmungen in mir empor stiegen, die ich nur schwer zu bändigen vermochte. Es war mir nicht möglich einen Strich über das Blatt zu ziehen, geschweige auch nur einen Stift zu heben. Beethoven steigerte meinen Widerwillen an meinem Berufe ins Unerträgliche. —
In welches Rudel ich hineingeraten war, erhellte allein die Tatsache, in sieben Betriebsjahren unter Tausenden nicht einmal den Namen Beethoven gehört zu haben. Hier wurde die Musik auf den Geist der Grillwürste reduziert, grölende Unterhaltungs-Aggregate vor die Bierfässer gespannt und sie nannten es — Kultur.

An einem finstren Tage sprach ich zu meinem Vorgesetzten: „Auch wenn meine Gesellenprüfung mit Auszeichnung aus-gehändigt wurde: muß ich zum Holzfäller werden, damit sie begreifen, hier fehl am Platz zu sein. Fragen sie in der Pizzeria, wo mein Reißbrett am besten aufgehoben ist. Dort wo das Holz liegt, den Ofen zu schüren . . .“


„Warum Reißbrett, Schreibtisch und Schablonen nicht aus dem Fenster werfen“, sprach die Außergewöhnliche, „dem unerquicklichen Leerlauf in deinem Lebens mit Kunst und Musik ein Ende setzen? Sie lärmen über den Wolken, und dein Los sollte es sein, die höheren Talente verfaulen zu lassen, um diesen Irrsinn voranzutreiben?
Die Kunst ist zum Schauplatz des Irrsinns geworden, dem sie mit dem Wettstreit entgegen treten, brüllende Luftschiffe über die Kontinente zu jagen. Ihre Sänger brüllen gleich frisierten Turbinen, damit auch der letzte Schwerhörige begreifen möge, daß der Fortschritt die Stille aus der Welt geprügelt hat. Sie hacken sich die Zeit wie das Kotelett zurecht, präludieren vor der Stechuhr wie der Narr vor dem König, nur daß der Witz sich nicht aus dem Keller wagt, um nicht vom Ernst der Werkelstunde erschlagen zu werden.
Den schöpferischen Genius in das Korsett der DIN-Norm schnüren, bis er selber zum Repräsentanten der Norm geworden: das ist es, was sie an dir zu vollenden wünschen. Die Untalentierten mögen in dieser Abrichtung ihr Glück empfinden, ist es doch ihre Dienstbarkeit, die ihnen erst einen Wert auf die Stirntafel drückt. Was andere aber ihren Wert und Verdienst heißen, damit würdest du dein Wertvollstes durchstreichen, ausradieren, im besten Falle zum Steckenpferde degradieren . . ."
„Verdient dein Leben als Konstruktions-Knecht den Ernst dem du ihm bietest?", sprach die Außergewöhnliche, als sie auf meinem Sonnenhügel mich überraschte. "Jetzt wo es in dir gärt und es nur eines Funkens bedurfte, um deine bür-gerlichen Bande aus allen Angeln zu sprengen, sollten an-dere Dinge durch deinen Schädel brummen, als dem tech-nischen Schmatzen am Zeichentische einen Nachruf anzu-gedeihen. Die Pflichten deiner neuen Freiheit werden schon in Bälde deine Aufmerksamkeit kommandieren und wenn du Glück hast, ist es nur ein Talent, das an dir seine Tyrannei zu vollenden sucht. Wehe, es hausen gleich meh-rere Tugenden unter einem Dache und du bist nicht Herr deiner Talente. Sie werden sich untereinander zanken, die Hübschen, die Zeit sich gegenseitig aus den Händen beißen, bis du zum Schlachtfeld deiner selbst geworden. Nur das Nichtstun kann hier Frieden stiften. Sonderlich, wenn wir Weiber uns auf die Faulheit noch am besten verstehn." Und dabei lachte sie, und ihr Schirm rief das Echo herbei . . .

Der Sonnenhügel
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